Auf der Suche nach einem Urlaubsziel und neuen Herausforderungen ist Katrin im Herbst 2014 im Internet auf den „John Muir Trail“ gestoßen – und war sofort mit dem JMT-Fieber infiziert: Eine 360 km lange Trekkingtour durch die Sierra Nevada in Kalifornien, USA. Vom berühmten Yosemite Nationalpark bis auf den Gipfel des Mount Whitney, den mit 4.421 m höchsten Berg der USA außerhalb Alaskas. 10 Pässe zwischen 2.950 m und 4.009 m müssen überquert, ca. 14.000 Höhenmeter im Aufstieg und 13.000 m im Abstieg bewältigt werden. Daniela und Steffen waren sofort Feuer und Flamme, und auch Holger, Martin und Michael ließen sich schnell von der Begeisterung anstecken. Somit war unsere Abenteuer-Truppe komplett. Genau 24 Wochen vor dem gewünschten Starttermin muss man per Fax das erforderliche Wilderniss-Permit für den Trail beantragen - im zehnten Versuch haben wir es dann endlich ergattert! Das Permit reguliert das Übernachten im Backcountry der Nationalparks und Naturschutzgebiete und gilt genau für ein bestimmtes Entry Date und einen bestimmten Startpunkt. Am 19. August 2015 ging es dann los… erstmal nach San Francisco, wo wir 3 Tage verbracht haben. Von dort machten wir uns mit Zug und Bus auf den Weg zum 300 km entfernten Yosemite Nationalpark – dem offiziellen Startpunkt des JMT. Mit unseren großen, ca. 20 kg schweren Rucksäcken ging es bei schweißtreibenden Temperaturen los in Richtung „Halfdome“. Dieses Wahrzeichen des Nationalparks war nach 1.500 Höhenmetern unser erstes Etappenziel. Die letzten 150 Höhenmeter konnten wir nur mit Hilfe der „Cables“ bewältigen: an einem Stahlseilgeländer aber ohne jede Sicherung zieht man sich über eine 45° steile Granitplatte nach oben. „On top“ erstreckt sich dann eine große, fast ebene Fläche mit einem fantastischen Rundblick über das Yosemite Valley. Nach dem obligatorischen Gipfelfoto auf einem Felsvorsprung am Rande der Halbkuppel (von dem es mehrere hundert Meter senkrecht hinunter geht), sind wir zu unserem ersten Schlafplatz in der Wildnis abgestiegen. Hier wartete noch einiges an Arbeit auf uns, die während unserer Zeit auf dem Trail zur Routine werden sollte: Zelt aufbauen, waschen, kochen, Wasser filtern. Wir lebten die nächsten 18 Tage getreu dem Motto: WALK, EAT, SLEEP. REPEAT. Der Trail war über weite Strecken ein einfacher, meist recht staubiger Trampelpfad, auf dem man sich nicht verlaufen konnte, weil es weit und breit keine anderen Wege gab. Wir wanderten vorbei an markanten Gipfeln, entlang von Bachläufen und unzähligen Seen – Postkartenmotive wohin das Auge blickte, so viele Eindrücke, dass man gar nicht alles verarbeiten konnte. Am 3. und 6. Tag auf dem Trail hatten wir nochmal kurzzeitig Kontakt mit der Zivilisation. Es gab jeweils einen kleinen General Store, in dem wir unsere Vorräte auffüllen, und einen Grill, wo wir bei Burgern und Bier noch ein paar Extra-Kalorien tanken konnten. Außerdem gab es dort „echte“ Toiletten, auf die wir natürlich auf der restlichen Tour verzichten mussten. In der Wildnis galt es, mit einer unserer beiden Schaufeln und dem mitgenommenen Toilettenpapier ein Plätzchen zu finden, wo man sein Geschäft erledigen konnte - mindestens 30 m vom Wasser und 30 m vom Weg entfernt. Selten war man aber wirklich ungestört: mal hatten vorwitzige Streifenhörnchen sich dort schon niedergelassen und schimpften laut, ein Reh und sein Kitz kamen friedlich äsend des Weges oder ein Murmeltier blieb in nur 2 m Entfernung sitzen und guckte neugierig zu… Manchmal spielte die Angst in unseren Köpfen mit, dass sich hinter dem nächsten Gebüsch ein Schwarzbär versteckt haben könnte, aber leider (oder vielleicht auch „Gott sei Dank“) sollten wir auf unserer Tour keinen einzigen Bären, sondern nur deren Hinterlassenschaften zu Gesicht bekommen. Mancherorts hatte es seit Jahren nicht geregnet – dementsprechend staubig waren wir oft am Ende des Tages. Glücklicherweise gab es in Seen und Bächen aber immer ausreichend Wasser, so dass wir jeden Tag ein kühles, nein, eher ein eiskaltes Bad nehmen (brrrrrrrrr!) und auch mal unsere Wäsche waschen konnten. Leider hatten wir oft mit dem Rauch zu kämpfen, der durch die großen Waldbrände nördlich von uns immer wieder in die Sierra Nevada drückte. So hatten wir am frühen Nachmittag manchmal den Eindruck, dass gleich die Sonne untergehen würde und die Sicht war sehr eingeschränkt. Eines Morgens waren unsere Zelte sogar mit Asche bedeckt! Für uns Hiker bestand jedoch keine Gefahr; die Firefighter, von denen uns zwei begegnet sind, hatten die Brände entlang des Trails unter Kontrolle. In Kalifornien gehören Waldbrände einfach dazu – die Natur braucht sogar das Feuer, um zu überleben bzw. sich wieder neu zu entwickeln. An Tag 9 erreichten wir etwas abseits vom Weg mitten in der Wildnis die „Muir Trail Ranch“, die für Wanderer einen besonderen Service bietet: Man kann sich selber Lebensmittel dorthin schicken, die von der nächstgelegenen Poststation mit dem Geländewagen und die letzten Meilen dann nur noch per Pferd zur Ranch transportiert werden. Auch wir hatten in San Francisco 3 Pakete mit Trekkingmahlzeiten, Riegeln, Müsli und ein paar Leckereien für’s Gemüt auf den Weg gebracht, um ein letztes Mal unsere Vorräte auffüllen zu können. Danach wurde es dann ernst: 8-10 Tage durch die kalifornische Wildnis ohne Handy-Empfang und ohne die Möglichkeit, Essen zu kaufen. Das, was wir jetzt in den Rucksäcken hatten, musste auf jeden Fall bis zum Ende der Tour reichen, die Ausrüstung durfte nicht kaputt gehen und ernsthaft verletzen sollte sich besser keiner! Ab und zu, trafen wir unterwegs mal einen Ranger mit Funkgerät oder Satellitentelefon und etwa 15 Personen kamen uns pro Tag entgegen, doch die meiste Zeit liefen wir alleine auf dem Trail. Nur auf den Pässen oder an den nächtlichen Schlafplätzen gab es immer mal wieder die Möglichkeit, sich mit anderen Hikern auszutauschen. In den tieferen Lagen beherrschten Wälder das Landschaftsbild, doch die Pässe glichen meistens einer kargen Mondlandschaft: trocken, steinig und trostlos. Aber eine kleine Tierart fühlte sich dort pudelwohl: der amerikanische Pfeifhase, auch „Pika“ genannt. So klein wie eine Maus, ohne Schwanz, dafür mit doppelt so großen Ohren, flitzten die niedlichen Kerlchen oft ganz in unserer Nähe herum. Von Tag zu Tag schraubten wir uns höher hinauf – der letzte zu bewältigende Pass an Tag 16 war ein „echter 4.000er“, den wir dank der guten Akklimatisation jedoch trotz des schweren Gepäcks mühelos überschritten. Am nächsten Abend erreichten wir dann unseren letzten Campground unterhalb des Mount Whitney. Wir fühlten uns wie in einem Adlerhorst, als wir an einer steilen Felsflanke auf 4.100 m Höhe unsere Zelte auf einem kleinen Plateau aufschlugen – mit einem grandiosen Blick auf die umliegenden Gipfel und die 600 m tiefer gelegenen Seen. Wasser gab es hier oben nicht, daher hatten wir schon mittags sämtliche Trinkblasen und Flaschen an einem See nochmal aufgefüllt, um für den Gipfelsturm und den anschließenden langen Abstieg ins Tal gerüstet zu sein. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt krochen wir am Morgen des Gipfeltags aus unseren Zelten und machten uns nach einem kurzen Frühstück gegen 7 Uhr an den letzten Aufstieg der Tour: Noch 2 Meilen und 400 Höhenmeter! Unsere Zelte waren dank eines abendlichen Graupelschauers (übrigens der einzige Regen auf der gesamten Tour!) und nächtlichem Frost steif gefroren, daher ließen wir erstmal alles im Adlerhorst zurück und machten uns ohne Gepäck auf den Weg. Um 8.10 Uhr erreichten wir den Gipfel des Mount Whitney, den offiziellen Endpunkt des John Muir Trails. Auch, wenn Berg und Gipfel selber nicht sehr spektakulär sind: Wir waren nach 18 Tagen und vielen unvergesslichen Eindrücken alle gemeinsam gesund und munter am Ziel angekommen und konnten jetzt die Aussicht vom höchsten Punkt der „Continental USA“ genießen. Amazing! Der eisige Wind und der noch bevorstehende Abstieg ließ uns aber nicht allzu lange dort verweilen, und wir machten uns auf den Rückweg zum Zeltplatz. Die Zelte waren inzwischen aufgetaut und so konnten wir ein letztes Mal unser Gepäck in den Rucksäcken verstauen. Nach scheinbar endlosen 4 Stunden beziehungsweise 9 Meilen und 2.000 Höhenmetern Abstieg erreichten wir das Whitney-Portal, einen riesigen Parkplatz für Tagestouristen oder Wanderer, die den JMT von Süd nach Nord in Angriff nehmen wollen. Dort angekommen, stillten wir mit dem berühmten „Whitney-Burger“ und Cola erstmal Hunger und Durst – die Zivilisation hatte uns wieder! Nach dem ausgiebigen Mahl legten wir die restlichen 12 Meilen und 1000 Höhenmeter bis in den nächsten Ort per Anhalter zurück. Es gab tatsächlich Leute, die uns staubige, stinkende Kreaturen gerne in ihren Autos mitnahmen und uns unterwegs neugierig über unsere Tour ausfragten. Bei fast unerträglich heißen 40°C kamen wir in Lone Pine an, wo wir uns in einem einfachen Hostel einquartierten. Dank einer warmen Dusche, richtigen Betten, Klimaanlage und einem Kühlschrank kam es uns fast vor, wie ein Luxushotel. Am nächsten Tag fuhren wir 300 km mit Bus und Bahn unserem letzten Urlaubsziel entgegen: Los Angeles. Bevor wir den Heimflug antreten mussten, waren noch zwei Tage relaxen am Venice Beach und zwei Tage Sightseeing in Hollywood, Beverly Hills und Downtown L.A. angesagt. Kontrast- und erlebnisreicher kann eine Tour wohl kaum sein.

Daniela und Steffen Althaus, Katrin Ahlers